Anekdote über das unehrliche „Engagement“ zweier Hochschulgruppen – von Nicole Schmidt

Liebe Interessierte,

Die Gremienwahlen an der OvGU rücken näher. Für gewöhnlich ist die nun einsetzende Wahlkampfphase ein Zeitraum größter Aktivität, auch seitens des RCDS. Bedauerlicher Weise geht es aber nicht um ein Engagement in den Gremien, sondern um Wahlkampf des Wahlkampfes wegen.

In größter Dankbarkeit können wir Euch hier nun einen persönlichen Bericht einer Studentin vorlegen, welche Gelegenheit hatte den RCDS und die LHG (Liberale Hochschulgruppe) von ihrer besten, ja geradezu ehrlichsten Seite kennenzulernen.

[EDIT] Nachdem wir das Dokument zuerst über Umwege erhalten, anonymisiert und veröffentlicht hatten, können wir euch nun das Original zur Verfügung stellen. Die Autorin hat Kontakt mit uns aufgenommen und verdeutlicht, dass es für sie wichtig ist die ihr vorliegenden Informationen und Erfahrungen mit anderen zu teilen, dafür möchte sie auch mit ihrem Namen einstehen. [/EDIT]

Zur Vereinfachung haben wir die von der Autorin vorgenommene Anonymisierung der Hochschulgruppen durch Namen in den Fußnoten ergänzt.

Anekdote über das unehrliche „Engagement“ zweier Hochschulgruppen

Von Nicole Schmidt

Gestern Nacht fuhr ich über den Uni-Campus zu mir. Meine Neugier war für den kleinen Umweg verantwortlich, denn ich konnte mir partout nicht vorstellen, dass wirklich Mitglieder von Hochschulgruppen so früh kamen, um ihre Liste jeweils vor der anderen HSG abgeben konnten.
[Diese Vorgehensweise hat folgenden Hintergrund: Die erste HSG, die abgibt, erhält den Listenplatz 1, die zweite, Platz 2 usw.] Das Büro des Rektorats nahm ab Dienstag, 8.00 Uhr die Listen entgegen. Seit Montag, 13 Uhr standen die ersten bereit. De facto sind das 20 Stunden, bis zum Dienstag (27.04.2010), 8.00 Uhr. Nun hielt ich mit meinem Fahrrad vor dem Rektorat und sah gegenüber circa zehn junge Leute. In dem Moment überlegte ich kurz, ob mein Interesse ein wenig übertrieben war. Sind die ersten Listenplätze für Hochschulgruppen wirklich so wichtig, dass sie sich sogar schon mit einem Pavillon und einem Grill vor dem Gebäude niederlassen? Wohl kaum. Doch dann bemerkte ich starkes Gerede über mich, wie „Frag mal zu welcher HSG die gehört!“ Dann kamen zwei Typen auf mich zu und fragten mich aus. Was ich hier mache, wollten sie wissen.
Mir war nicht ganz klar, was passiert, wenn ich sage, dass ich von der Juso HSG bin. Da ich Studentin der Uni bin, sollte den beiden diese Info erstmal genügen. Ich wollte sicher gehen, das hier bereits einen Tag vorher tatsächlich Hochschulgruppen „anstehen“. Also erkundigte ich mich, warum sie bei Regenwetter grillen. Beide erklärten mir ihre Absicht, den ersten und zweiten Listenplatz zu ergattern.
Da ich meine Mitgliedschaft bei der Juso – Gruppe nicht gleich offen legen wollte, fragte ich nach ihren Zielen und Inhalten. [Ich nahm wirklich an, dass diese festgelegt worden sind.] Derjenige, der als erstes eintraf und heute morgen mit seiner HSG Listenplatz Eins erhielt1, erklärte mir gesprächsbereit, dennoch recht verlegen, dass sie sich darüber noch Gedanken machen müssten.
Aber er wolle die Beiträge deutlich senken, die die Gremien (er ergänzte dem StuRa) für uns verteilen. Ich fragte, welche Projekte seitens der Studierenden demnach noch Unterstützung gewährleistet werden könne. Auch darauf antwortete eher zögerlich mit: „Naja, eigentlich haben die Studenten eh keine Macht, irgendwas zu verändern.“ Unsere Runde wurde immer größer, mittlerweile standen wir alle vor der Tür des Rektorats. Ein Freund von mir (den ich von der Juso HSG kenne) kam nun. Aber wir begrüßten uns normal und keine brachte mich mit den Jusos in Verbindung. Dieser Freund fragte gleich die andere HSG2 (die nun Listenplatz zwei inne hat) warum das Engagement jetzt mit einem mal so groß sei. Ach, er solle mal nicht so tun. „Ich war doch letztens im StuRa.“, bekam er zu hören. Nochmals dachte ich nach und fragte den alkoholisierten Tölpel3: Aber wenn Du doch gewählt wurdest, ist es dann nicht auch Deine Pflicht, nicht nur gegenüber Deinen Wählern, Dein Amt auch wahrzunehmen? Er sah mich kurz an und ignorierte mich. Ich ließ nicht locker und fragte ihn nochmals, was sie an der Uni verändern wollen. Und da war es. Die Aussage die mich wirklich schockierte: „Die Inhalte sind doch scheiß egal. Das muss man mal sagen“.
Ich war perplex und brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Meiner Auffassung nach, vertreten alle Hochschulgruppen die Rechte der Studierendenschaft. Je nach Schwerpunktsetzung der einzelnen Gruppen, variieren die konkreten Ziele. So weit so gut. Aber diese beiden Gruppen, haben gar keine Ziele, keine Inhalte. Wofür steht jede Interessenvertretung? Stimmen die Ziele mit meinen Interessen überein? Das sind Fragen, die mich als Studentin
interessieren. Auch auf mehrere Nachfragen musste ich bedauerlicherweise feststellen, dass die Mitglieder der
beiden Hochschulgruppen weder Ziele und Inhalte noch die Absicht haben, sich welche zu
überlegen. In den circa 30 Minuten meiner Anwesenheit fielen zahlreiche diskussionswürdige Aussagen. Ich erwähne nur jene, an dessen Wortlaut ich mich noch sehr gut erinnere. „Der dumme Student macht seine Kreuze auf den ersten Listenplätzen und das wars.“, ist nur ein weiteres Beispiel. Kurz bevor ich mich verabschiedete, stellte ich (mittlerweile sehr klein laut), nochmal die Frage: Meint ihr wirklich das niemand der Studis nachdenkt und nach Zielen der HSGs entscheidet? Eine zufriedenstellende Antwort erwartete ich nicht, nur irgend eine Reaktion…
Naja, wenigstens hat der Vorsitzende der ersten Liste bei meiner Verabschiedung noch gesagt, er sei ein bisschen peinlich berührt gewesen und vielleicht setzen sie sich noch mal zusammen und reden über inhaltliche Ziele.
Ich kommuniziere hier als Privatperson, als betroffene Studentin und möchte niemanden anprangern. Aber ich weise darauf hin, das politische Entscheidungen vielleicht anders getroffen werden, stünden dem Wähler mehr Informationen zur Verfügung.
Aus studentischer Sicht bleibt mir am Ende die Chance, zu entscheiden, welche Gruppe ich für mehr oder weniger kompetent halte und welche inhaltlichen Aspekte meinen eigenen Vorstellungen am nächsten sind.
Ich bin froh, dass diese Einstellungen der beiden HSGs ein Pendant zu den Attitüden anderer HSGs darstellen.
Die Zusammensetzung der Gremien, also unserem Sprachrohr für studentische Anliegen, liegt vom 1. und 2. Juni 2010 in unserer Hand. Ich freue mich auch, meine Stimme den engagierten Hochschulgruppen zu geben und nicht unbedacht, wie mir gestern nahe gelegt wurde, nach dem Rang der Listen zu kreuzen.

Quelle:
http://www.juso-hsg-magdeburg.de/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=13

  1. Ein Vertreter der LHG. [Anm. rcdswatch] [zurück]
  2. RCDS [Anm. rcdswatch][zurück]
  3. Hierbei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Andreas Köhler, den neuen Vorsitzenden des RCDS, zu diesem Zeitpunkt einziger männlicher Vertreter des RCDS im Stura. [Anm. rcdswatch][zurück]

1 Antwort auf „Anekdote über das unehrliche „Engagement“ zweier Hochschulgruppen – von Nicole Schmidt“


  1. 1 Edition Flint » Watch me Pingback am 12. Mai 2010 um 14:33 Uhr
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